„Besetzt, gerettet und die Zukunft ungewiss.“

Zwei Aktivisten der sozialen Bewegungen in Griechenland berichteten in Hannover über die Perspektiven der Arbeiterselbstverwaltung in Griechenland


Bericht zur Video-Dokumentation und Diskussion zur Arbeiterselbstverwaltungen in Griechenland von Dr. Gregor Kritidis

 

In Griechenland ist im Zuge der europäischen Krisenpolitik und der damit verbundenen sozialen Krise das politische System weitgehend umgewälzt worden. Seit 2010 haben die neu entstandenen sozialen Bewegungen mit neuen Aktions- und Organisationsformen experimentiert. Einen Einblick in diese Dynamik gaben am 2. September in den ver.di-Höfen Kostas Haritakis, Journalist und aktiv für Vio.Me, eine besetzte Fabrik in der Nähe von Saloniki, und Jannis Stathas, Gewerkschaftsvertreter auf der Aluminiumhütte „Aluminium Hellas“in Zentralgriechenland und ehemaliger Abgeordneter von SYRIZA im griechischen Parlament.

 

  

Nach zwei einführenden Videos über die Baustofffabrik Vio.Me schilderte Haritakis den schwierigen Beginn der Besetzung der von den Eigentümern aufgegebenen Fabrik. Da es in Griechenland keine ausgeprägte Tradition der Arbeiterselbstverwaltung gibt, sei diese Fabrikübernahme von großer Bedeutung. Getragen von einer breiten Solidaritätsbewegung sei es gelungen, die Produktion wieder aufzunehmen und allen beteiligten Arbeitern ein wenn auch bescheidenes Einkommen zu sichern.In Zeiten massiver Lohnsenkungen und grassierender Massenarbeitslosigkeit ist das nicht zu unterschätzen. Die Umstellung der Produktion auf Reinigungsmittel sei erfolgt, um leichter den Marktzugang zu finden. Da sich diese Form der selbstorganisierten Produktion und Vermarktung in einem politischen und juristischen Schwebezustand bewege, kooperiere Vio.Me mit zahlreichen sozialen Bewegungen und Kollektiven, etwa der „Bewegung ohne Zwischenhändler“ oder selbstorganisierten Supermärkten. Das Ziel der Fabrikbesetzung bestehe jedoch keineswegs in einer Absicherung des gegenwärtigen Zustandes, sondern in einer Ausweitung dieses solidarischen Produktions- und Distributionsprinzips. Die gegenwärtige, von Syriza und den Unabhängigen Griechen gebildete Regierung habe vor den Wahlen im Januar 2015 zugesagt, Vio.Me auch juristisch abzusichern und die Etablierung von selbstverwalteten Betrieben zu erleichtern. Diese Zusage sei jedoch nicht eingehalten worden. Mittlerweile gebe es jedoch eine weitere selbstverwaltete Fabrik in Nordgriechenland, den holzverarbeitenden Betrieb „Ruben tou Xylou“.

Ioannis Stathas schilderte die dramatischen innerbetrieblichen Kämpfe, die sich bei Aluminio Hellas durch die Offensive der Arbeitgeber seit 2010 entwickelt hätten. Die Angriffe der Unternehmensleitung auf Löhne und Zulagen hätten zurückgewiesen werden können, wobei sich die neu organisierte Basisgewerkschaft auf ein breites regionales Solidaritätsbündnis hätte stützen können.Die Bewegung habe dadurch einen allgemeinen, individuelle und gruppenspezifische Interessen überschreitenden Charakter angenommen. Im Zuge der Auseinandersetzungen habe sich die Belegschaft politisch in zwei Lager gespalten: Eine gelbe, unternehmernahe Gewerkschaft, die sich überwiegend aus den früheren Funktionären der Parteirichtungsgewerkschaften zusammensetze, und eine an den wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter orientierte basisdemokratische Gewerkschaft, in der auch ehemalige Mitglieder der ND- und PASOK-nahen Gewerkschaften vertreten seien. Da die Aluminio Hellas nicht nur einer der größten griechischen Industriebetriebe sei, sondern die Produktion überwiegend exportiere, sei es den Basisgewerkschaftern in den letzten Jahren trotz allgemeiner Krise gelungen, Lohnsteigerungen und Neueinstellungen durchzusetzen. 

In der Diskussion wurde mehrfach nachgefragt, wie es gelungen sei, eine breitere Information der Bevölkerung und damit eine größere Solidarität zu erreichen. Beide Referenten verwiesen dabei auf die Besetzung der staatlichen Rundfunkanstalt ERT 2013, aus der zahlreiche regionale, selbstverwaltete Radio- und Fernsehsender hervorgegangen seien. Dadurch sei eine fast griechenlandweite Berichterstattung über die sozialen und politischen Kämpfe sichergestellt worden, die ansonsten von den privaten Medien verschwiegen oder denunziert worden seien. Hinzu seien zahlreiche neue Zeitschriften und online-Medien gekommen, sodaß eine an den sozialen Bewegungen orientierte kritische Gegenöffentlichkeit entstanden sei.

Infolge der Kapitulation der SYRIZA-geführten Regierung seien die sozialen Bewegungen in eine tiefe Krise geraten, von der sie sich nur langsam erholen würden. Der Prozeß der Neuorientierung, der im Sommer 2015 begonnen habe, sei noch lange nicht abgeschlossen. Aufgrund der anhaltenden sozialen und politischen Krise habe die Suche nach Auswegen jedoch an Tiefe und Breite gewonnen. Griechenland, so die Referenten, sei jedoch nur ein Beispiel für eine gesellschaftliche Dynamik, die es überall in Europa gebe. Ein wichtiger Beitrag von Aktiven in Deutschland könne sein, die Erfahrungen der sozialen Bewegungen in Griechenland aufzugreifen, zu verbreiten und eigene Initiativen zu entwickeln.

 

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